Ausstellung "Women on View" Frauen als Einzelteile

Versprochen, nach dieser Ausstellung wundert sich niemand mehr über das Frauenbild unserer Gesellschaft. Fünf Räume voller Werbefotografie, berühmte Fotografen - und Frauenverachtung. Unfreiwillig.

Werbefoto von Jean Daniel Lorieux für Azzaro Parfum, 1986.
Jean-Daniel Lorieux/ Galerie 36

Werbefoto von Jean Daniel Lorieux für Azzaro Parfum, 1986.

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Es passiert nicht oft, dass einem in einer Ausstellung nach ein paar Schritten übel wird. Doch spätestens in Raum drei wird einem ganz schlecht. Die Gefühle sind Übelkeit und Wut.

Weil an den Wänden Fotos von Frauen hängen. Fotos, die landläufig als ästhetisch, als anziehend gelten. Und genau das widert so sehr an. Fünf Räume voller Bilder, die beweisen, wieso wir in diesem elendigen Mist festhängen: in einer Gesellschaft, in der Frauen sich von Normen, vom Markt, von der Politik definieren lassen müssen, was sie mit ihrem Leben und ihren Körpern zu machen haben und wie. "Women on View" heißt die Ausstellung in der auf Fotografien spezialisierten Galerie 36 in Berlin-Mitte, Untertitel: "Die Ästhetik von Verlangen in der Werbung". Oder anders: Frauen frei konsumierbar. Es ist eine Lehrbuch-Schau über ein Menschenbild, das voller Frauenverachtung ist. Unfreiwillig.

Bevor jetzt jemand ruft: Aber all die hochwertigen Hochglanzbilder! All die berühmten Fotografen! Herb Ritts! Horst P. Horst! Peter Lindbergh, Patrick Demarchelier, Jeanloup Sieff, Helmut Newton, "Vogue", Pirelli, alle da, fast 80 Photos, viele großformatig, von den Vierzigern bis heute. Das alles Misogynie? Ja, das muss so deutlich sein an dieser Stelle: Alle stützen und stützten ein Frauenbild, das anwidert, egal ob in den prüden Fünfzigern, in den Post-68ern und ihrer laut der MacherInnen "sinnlichen Note mit frechen oder erotischen Botschaften" oder heute.

Denn die Frauen, die hier in dieser erschütternden Masse an den Wänden zu sehen sind, sind oft keine Individuen. Sie haben meist kein Gesicht. Es ist erstickt unter einem Tüllberg wie bei Marino Parisottos "La Perla"-Kampagnenmotiv von 1998; es ist versteckt hinter einer Maske wie bei Frank Horvats "Model mit Maske" von 1958; verborgen mit einem flatternden Schal - bei blanken Brüste natürlich - wie bei Jean-Daniel Lorieuxs Aufnahme für den Bridgeston-Kalender von 1985 oder der für eine Parfümmarke von 1986, auf der die Frau sich nackt vor dem Betrachter in den Sand wirft, als sei er Gott. Oder der Kopf ist gleich ganz in Plastik eingeschweißt, mit Make-up-Kästchen statt der Augen, Lippenstiften statt der Lippen und Puderdöschen statt der Wangen wie bei "Full on Yves Saint Laurent" von Armin Morbach von 2013.

Frauen als Einzelteile

Die Frauen, die hier zu sehen sind, existieren nur in Einzelteilen, als Beine, als geöffneter Schritt, als gewölbter, glänzender Hintern, als Torso, als Lippen. Die Frauen, die hier zu sehen sind, erfüllen zwei Aufgaben: Sie führen Frauen vor, wie Männer sie gern sehen wollen. Deswegen bitte jenes Kleid, diesen Rasierer, jenes Light-Bier, Parfüm oder Jeans kaufen, für die wir nur eine Tasche auf eine nackte Pobacke zeichnen müssen, hahaha. Oder sie sind die reizvollen Dreingaben, die Männer für ein bestimmtes Produkt erwärmen sollen: für jenes Auto, vor dem eine Frau in Unterwäsche liegt ("The Second Best Shape in Italy"), dieses Feuerzeug, dieses Eis.

Alles, was diese Werbemotive zeigen, sind also Männerfantasien - im Namen des Konsums. Die Frau als Objekt der Begierde. Subjekte gibt's hier nicht. Und Vorbilder prägen, das ist in Film und TV nicht anders. Daran ändern auch Dutzend Bilder von Fotografinnen wie Ellen von Unwerth, Regina Relang oder Karin Székessy nichts. Weil sie die Story eben weiterschreiben. Oder eben doch Frauen als echte Personen ablichten, Beauty- oder Modeshots, bei denen man sich wundert, wie sie überhaupt in die "Erotik"-Reihe passen sollen.

Und nein, die Ausstellung will dieses Frauenbild ganz sicher nicht kritisieren. Oder dekonstruieren. Oder etwas heute Relevantes aufzeigen. Es ist eine ästhetische Schau, die den Wandel der Entblößung durch die Jahrzehnte dokumentiert, fertig. Versetzt mit ein paar Momenten für kurioses Gruseln. Dass im letzten Raum in der Ecke hinter einer Stellwand ein Fernseher einschlägige Werbung zeigt und als allerletzter Teil des Loops das Video der 2015er-Kampagne "Women not Objects", rundet das Bild allenfalls ab. Der Feminismusgehalt bleibt bei weit unter einem Promille.

Körper als Mittel zum Zweck

Nicht falsch verstehen, es geht hier nicht darum, dass Körper, egal wie nackt, egal von wem, keinen ästhetischen oder künstlerischen Reiz haben. Und nein, das Argument mit der Kunstgeschichte zieht auch nicht. Hier zu sehen sind Frauenkörper als Werbemittel. Und es sind keine Gemälde oder Skulpturen, sondern Fotos. Sie simulieren, was ist, in einer Wahrhaftigkeit, die auch alles Wissen um die Logik von Werbung und Schein nicht durchbrechen kann.

Auch wenn diese Ausstellung nun nicht den Zulauf wie eine im Guggenheim Museum haben wird: Sie ist zu gut bestückt, mit zu viel Tamtamtam und Namen inszeniert, als dass es irgendeine Entschuldigung gäbe. Die Gedankenlosigkeit, die Kommentarlosigkeit, die Kritiklosigkeit, mit der hier drauflos kuratiert wurde, ist geradewegs verstörend.

Machen wir uns nichts vor. Wir alle wissen, dass es zieht - Sie haben schließlich auch auf diesen Text geklickt, garantiert auch wegen Foto und Thema; und auch Magazine setzen leider immer wieder auf diese berechnenden Trigger, Programmzeitschriften, Mode- und Lifestyle-Publikationen, selbst Nachrichtenmagazine und ja, auch der SPIEGEL.

Es bleibt zu hoffen, dass die zerstörerische Verknüpfung endlich sichtbar bleibt: Zwischen der als "erotisch" euphemisierten Verachtung, die Frauenbilder wie diese transportieren, und dem gesellschaftlichen Status von Frauen.


"Women on View. Die Ästhetik von Verlangen in der Werbung", noch bis 27. April 2019, Mittwoch bis Samstag, 13 bis 18 Uhr in der Galerie 36, Berlin.

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insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
bitte.was 07.02.2019
1.
Ist die Autorin schon einmal in der Herrenabteilung von Hollister gewesen? Wenn nicht empfehle ich ihr einen Ausflug dorthin. Das einzige was Artikel wie diese zeigen ist die Tatsache, dass viele Frauen anscheinend dermaßen unzufrieden mit sich selbst sind, dass sie ihren Gesamten Frust auf die Modeindustrie projizieren. Ja, die Branche hat Probleme. Aber die Emotionen die von feministischer Seite aufgebracht wird um dagegen anzugehen spricht Bände...
ellereller 07.02.2019
2. Wenn
mit der im Text beschriebenen Werbefotografie "für eine Parfummarke von 1986, auf der die Frau sich nackt vor dem Betrachter in den Sand wirft als sei er Gott", diejenige Aufnahme gemeint ist, die auch den Artikel illustriert - und dafür sprechen unter anderem die Identität des Fotografen und des Jahres -, dann hat die Autorin entweder eine sehr sehr konservative Vorstellung von der Grenze zwischen Nacktheit und Bekleidet-Sein, oder aber ein interessanter, wahrscheinlich psychologisch zu erklärender Faktor hat zu einer Fehlwahrnehmung oder -erinnerung geführt.
klaremeinung 07.02.2019
3. Witzigerweise 3 Maus-Scrolls weiter unten...
...der Spiegel Artikel "Gala in New York - Küren Sie den schönsten Promi-Look", wo man sich durchklicken soll, um die zur Schau gestellten Oberflächlichkeiten des roten Teppichs zu bewerten. DAS finde ich wenn schon daneben. Gilt aber genauso für die Damen, die sich dort prominent platzieren, um wenigstens ein wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen.
mafreschi 07.02.2019
4. Jupp, ich stimme zu!
Ästhetik ja, immer gerne, da gucke ich hin, ob Mann oder Frau. Aber in dieser Ansammlung von Werbefotos wie in dieser Ausstellung (habe sie gesehen!!) ist das ein Spiegelbild, wie die Frauen für Werbezwecke "eingesetzt" werden. Warum nicht mit Taten oder Errungenschaften von Frauen werben?
Steve Holmes 07.02.2019
5. Geschmacksfrage
Anne Haeming mag von diesen Bildern anwidert sein. Anderen Gefallen sie. So hat jeder ein Recht auf seinen eigenen Geschmack.
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