Rücktritt von Lindsey Vonn Bye-bye, Speed-Queen

Lindsey Vonn ist eine der größten Skifahrerinnen der Geschichte. Ihr Körper zwingt sie zum Rücktritt, WM-Bronze sorgt für einen versöhnlichen Abschluss. Über eine Frau, die zu polarisieren wusste.

Lindsey Vonn
AP

Lindsey Vonn

Aus Åre berichtet


Es wirkt so, als sei Lindsey Vonn in den Tagen dieser Skiweltmeisterschaft in Schweden besonders darum bemüht, den unzähligen Beobachtern möglichst viele Facetten ihrer beeindruckenden, aber manchmal eben auch polarisierenden Karriere anzubieten.

Beim Super G war Vonn spektakulär gestürzt, diesmal blieb sie von einer schweren Verletzung verschont. Es folgten eine inszenierte Pressekonferenz samt Anzüglichkeiten für ihren per Smartphone zuhörenden Freund, ein viel diskutierter Instagram-Post als Nachweis ihrer beim Sturz erlittenen Prellungen und später ein Seitenhieb für ihre Teamkollegin Mikaela Shiffrin, die - für Vonn völlig unverständlich - auf die Kombination verzichtet hatte, um sich für Riesenslalom und Slalom zu schonen. "Mir wäre so etwas nie eingefallen", sagte Vonn, die den Abfahrtslauf in der Kombination selbst als Trainingslauf genutzt hatte. "Denn ich bin Rennläuferin, ich will mich immer im Wettkampf messen und alles gewinnen, was ich gewinnen kann."

Ein Sieg als letzte Facette ist es zwar nicht geworden, aber die Bronzemedaille zum Ausklang kam angesichts ihrer Form überraschend und gleichzeitig auch wieder nicht. Vonn weiß sich bei wichtigen Rennen auf den Punkt zu konzentrieren und so fuhr sie in der Abfahrt hinter Ilka Stuhec und Corinne Suter auf den dritten Platz. Eine außerordentliche Geschichte, wie schon am Vortag die Silbermedaille von Aksel Lund Svindal.

In den vergangenen Monaten hatte sich Vonn von einem Gedanken antreiben lassen: Sie wollte unbedingt den Rekord an Weltcupsiegen von Ingemar Stenmark brechen. Der Schwede hatte von 1973 bis 1989 in seinen bevorzugten Disziplinen Slalom und Riesenslalom insgesamt 86 Rennen gewonnen. Vonn steht seit März 2018, als sie in Åre ihre letzte Abfahrt gewann, bei 82 Erfolgen.

Vom Stenmark-Rekord angetrieben

Selbst als längst klar war, dass sie den Rekord nicht würde brechen können, behielt die Person Stenmark für Vonn eine magische Anziehungskraft. Die US-Amerikanerin habe die schwedische Legende eigenen Erzählungen zufolge per SMS gebeten, einen Tag früher nach Åre zu kommen, um bei ihrem letzten Rennen dabei zu sein. Stenmark erfüllte ihr den Wunsch - und überreichte Vonn bei der Zeremonie im Stadion einen Blumenstrauß. Die Medaille bekam sie erst am Abend bei der offiziellen Verleihung.

Ingemar Stenmark (l.) und Lindsey Vonn
AFP

Ingemar Stenmark (l.) und Lindsey Vonn

Man kann Vonn nur wünschen, dass sie in den kommenden Wochen und Monaten für sich eine vom Rekord losgelöste Bilanz ihrer Karriere ziehen kann. Der Blick zurück bietet so viele Höhepunkte: Olympia-Gold 2010, allein 43 Weltcupsiege in der Abfahrt, zwei WM-Titel und insgesamt elf Medaillen bei Großereignissen, Erfolge in allen fünf alpinen Disziplinen, vier Gesamtweltcupsiege - und das alles, obwohl Vonn sich diverse Male schwer verletzte und zusammengerechnet mehrere Jahre an keinen Rennen teilnehmen konnte.

Vonn fuhr stets am Limit. Die 34 Jahre alte Speed-Spezialistin war nicht die talentierteste Skifahrerin ihrer Generation. Ihr Ehrgeiz, ihr Trainingsfleiß, ihr Mut zu Geschwindigkeit und ihre einzigartige Fokussierung auf die Besonderheiten der vielen unterschiedlichen Strecken machten Vonn aber zur besten Skifahrerin ihrer Generation. Ja, 82 Weltcupsiege ist keine Rekordmarke, sie sollte diese Zahl trotzdem genießen.

Siege, Verletzungen, Drama

Ob Vonn ihre globale Bekanntheit auch nur mit ihren sportlichen Erfolgen erlangt hätte, ist schwer zu sagen. Zu ihrer Karriere gehört aber eben auch ein ausgeprägter Hang zu Show und Inszenierung. Sie präsentierte sich, ihre Erfolge, ihre Tragödien, aber auch ihre Beziehungen zu anderen Sportlern wie dem Golfer Tiger Woods gerne in der Öffentlichkeit. Vonn schrieb ein Buch ("Strong Is the New Beautiful") und erzählte von ihrer Depression. Im Skizirkus wird sie häufig als Dramaqueen bezeichnet.

Lindsey Vonn
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Unter Berücksichtigung ihrer Krankheit ist das unfair, letztlich hat sie die großen Auftritte in der Öffentlichkeit wohl gebraucht. Ihre Kritik an Shiffrin zeigt aber auch, dass Vonn noch nicht die richtigen Lehren aus den vergangenen 18 Jahren im Skiweltcup gezogen hat. Wenn sie sich in der Lage fühlte, trat sie zu nahezu jedem Rennen an, ignorierte bisweilen die Ratschläge ihrer Ärzte und handelte sich mit ihrer riskanten Fahrweise ein paar Verletzungen zu viel ein. Shiffrin, mit aktuell 56 Weltcuperfolgen auch auf Stenmarks Spuren, dosiert ihre Einsätze besser und war bisher nur selten verletzt.

Nun wird Vonn von ihrem dauerhaft beschädigten Knie zum Karriereende gezwungen, wie sie vor einigen Tagen in sozialen Medien mitgeteilt hatte: "Mein Körper ist kaputt", schrieb Vonn. "Er lässt mich nicht die Abschlusssaison fahren, von der ich geträumt habe. Mein Körper schreit mich an, aufzuhören - und es ist an der Zeit, ihm zuzuhören."

Was dann kommen wird, steht noch nicht fest. "Ich habe Angst davor, keine Skifahrerin mehr zu sein", sagte Vonn am Sonntag, das Wort Depression vermeidend. "Es wird Zeit brauchen, bis ich damit im Reinen sein werde."

Mit einer Bronzemedaille lässt sich etwas versöhnlicher in den Ruhestand gehen.

Vonn im Video: "Ich bin zu alt für diesen Sch..."

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Forumbeitrag 11.02.2019
1. Viel Glueck Lindsey
Vielen Dank Lindsey fuer die vielen Jahre absoluten Spitzensport. Ich bin auch immer wieder beeindruckt ueber deine Deutschkenntnisse. Hoffen wir, dass du einen Uebergang in ein neues Leben mit neuen Zielen findest. Auch hier nimm die vielleicht ein Beispiel an Ingmar
fatherted98 11.02.2019
2. Lindsey Vonn...
....ist ein Paradebeispiel dafür, was Leistungssport heute ist und anrichtet. Erst mal Gratulation zu ihrer Lebensleistung....aber wie sie sich im Rahmen ihrer Erfolge selbst körperlich zu Grunde gerichtet hat, sollte allen Leistungssportlern und die die es werden wollen, eine Warnung sein. Leistungssport ist keine Gesundheitssport....und die Medien haben ihren Anteil an dem Druck der auf den Sportlern lastet....zweiter Platz ist heute ja schon Holzmedaille....und diese Kommentare kommen dann von fetten Moderatoren oder Alt-Hippies die meinen sie verstünden etwas von Sport. Alles Gute Lindsey Vonn.....ihre Entscheidung aufzuhören kam spät aber hoffentlich für Sie noch nicht zu spät.
Gutenmorgenallerseits 11.02.2019
3. Ist euch jetzt die Muffe gegangen?
Zuerst lautet die Überschrift "Bye, bye Dramaqueen", nun ...Speedqueen". Vonn nun doch ein ehrenwerter Sportstar? Irritierend wankelmütiger Journalismus. Steht doch zu Eurem Verriss!
spiegelak2 11.02.2019
4. Sie auf eine Prinzessin zu reduzieren
die eine psychologische "Krankheit" hat und die sich eine "riskante Fahrweise" erlaubt hat, ist ja wirklich armselig, und ist auch verdächtig in unangenehmen Weisen. Wir dürfen alle nur Normalbürger sein und doch besser einer Wellness-Gruppe beitreten; keiner darf den anderen ein Minderwertigkeitsgefühl geben, geld, weil sie sich dann vielleicht kränken, hmm ? Und das Ganze mit der Leistung und dem Schaffen war ja beinah krankhaft, nicht war ? Neuestes Kulturgedankengut etwa ? Sie und die anderen ihrer Generation - u.a. Svindal, Riesch, Maze, Rebensburg, Gut, Veith, wen hat man vergessen, man merke die unglaubliche Präsenz der Frauen in diesem Phänomen - haben in den letzten 10-15 Jahren den Skirennsport auf eine neue Ebene erhoben, dessen Markenzeichen ist, die Normalisierung von atemberaubender Leistung, wie auch ausgereifte Trainingspraxis. Dies für mich persönlich gesehen gegen einen Maßstab der zurück in die 70er reicht; damals wie heute Stenmark als erster, und dann die Zeitgenossen und Kollegen die folgten, ich werd nicht versuchen sie alle zu nennen. Erstens sind sie *natürlich* Medienpersonalien, weil genau wie in der Formel 1, Millionen in *diesem* Sport stecken - wenn wir uns in unserer ganzen Bürgerlichkeit aufs Sofa zum Fernsehen setzen, heucheln wir bitte nicht etwa rum von wegen der Reinheit des Sports und das Ideal des unschuldigen Sportlers. Wenn sich Leute die so leisten wie sie, sich nicht darum scheren, ob die Öffentlichkeit jetzt bemerkt, daß sie ein starkes Selbstgefühl haben - weil es Schild und auch Schwert für sie ist, wenn sie sich regelmäßig entscheiden, ihr Leben in ganz physischer Weise zu riskieren, recht ähnlich zu anderen Künstlern oder Meistern ihres Faches - und nicht immer bedenken ob sie genügend bescheiden und zurückhaltend wirken um schmackhaft für ihre weniger fähigen Mitmenschen zu sein, hab ich damit jedenfalls kein Problem. Ebenfalls wenn sie sich persönliche Beziehungen im genannten Rampenlicht leisten, die ein Wunder sind, in einem Alltag der aus täglichen 4 oder mehr Stunden Training besteht, bis es dann in den Flieger geht, damit mann ein paar Tage mit 3 anderen Teammitgliedern in einem Hotelzimmer verbringt, jedes Wochenende wo anders fürs nächste Rennen. Wenn wir nicht staunen können an den Fähigkeiten und Errungenschaften unserer Mitmenschen, dann haben wir kein Maß das wir selbst anstreben werden. Wenn wir nicht hart arbeiten um zu schaffen, dann sterben wir mit leeren Händen. Letzteres sagt die Biologie, Ökologie und Evolution; verränken wir uns doch bitte nicht im Versuch zu etablieren, daß das ganze Treiben unnötig war.
krautrockfreak 11.02.2019
5. Ein gutes Beispiel über den Irrsinn des sog. Leistungssports! Erst
bezahlt die Allgemeinheit viel Geld (Sportförderung, Fernsehrechte etc.), damit eine kleine Zahl an Spitzenathleten immer weiter die Rundenzeiten unterbieten und ihr Ego befriedigen können, machen dabei ihren Körper kaputt und am Ende bezahlt die Allgemeinheit wieder für die Spätschäden und die immensen Krankenkosten. Deshalb schaue ich mir nichts mehr in dieser Richtung an, weil es immer abartiger wird. Im Fußball dasselbe, überall geht es nur noch um Kohle und Spitzenleistungen, die am Ende niemanden was bringen...
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