Zukunft des FC Bayern Bloß keine Rücksicht mehr

Der Bundestrainer ist beim FC Bayern zur Reizfigur geworden. Dabei könnte Joachim Löw einen Lerneffekt bieten: Wie der Umbruch in einer überalterten Mannschaft schnell und radikal vollzogen werden muss.

Niko Kovac
REUTERS

Niko Kovac

Von Christoph Leischwitz, München


"Viel Erfolg auf dem Weg ins Viertelfinale - auf geht's Jungs!" Ein FC Bayern-Fan hatte acht Stunden vor dem Spiel ein Selfie-Video auf Twitter eingestellt, er blickte hoffnungsfroh in die Kamera und sah wirklich so aus, als wolle er die Spieler noch einmal zusätzlich motivieren vor ihrem Rückspiel gegen den FC Liverpool. Sein Name: Philipp Lahm.

Was er und Millionen andere zu sehen bekamen war stattdessen: ein Abschied im Achtelfinale, dank einer 1:3-Heimniederlage. Und dazu passend ein paar Spieler, die im Gegensatz zu Lahm offensichtlich den rechtzeitigen Absprung verpasst haben. Der früheste Bayern-Abschied aus der Champions League seit 2011 lieferte erste Bilder vom Ende einer Ära beim FC Bayern. Als Franck Ribéry in der 61. Minute ausgewechselt wurde, nahm er einen kleinen Umweg, er lief nicht über das Feld zur Bank, sondern ging noch mal an der Südkurve vorbei, dort, wo die Fans stehen, die so oft seinen Namen gesungen hatten in den vergangenen zwölf Jahren. Kurz blickte er noch einmal zu ihnen hoch, das war's, das letzte große Spiel auf internationaler Bühne.

Dann war da noch der traurig dreinblickende Mats Hummels, der beim Schlusspfiff dem Ball auf dem Weg in den Münchner Nachthimmel nachsah. Und Rafinha wird in Erinnerung bleiben für das gemeinsam mit Manuel Neuer verschuldete 0:1. Arjen Robben, zurzeit verletzt, saß auf der Haupttribüne. Auch er wird, wie Ribéry und Rafinha, höchstwahrscheinlich kein Champions-League-Spiel mehr bestreiten. Bei allen dreien läuft im Sommer der Vertrag aus.

Fairerweise muss erwähnt werden: Ribéry hätte kaum von Beginn an gespielt, wenn Kingsley Coman fit gewesen wäre. Das Spiel war aber nun einmal darauf aufgebaut, über die Flügel zu kommen, und damit war der 35-Jährige klar überfordert. Der zuletzt auch viel gescholtene Hummels spielte zwar ordentlich. Doch niemand aus der alten Garde wuchs über sich hinaus, niemand hatte eine zündende Idee, um Liverpool in Verlegenheit zu bringen. "Der Funke ist auch nie vom Feld auf die Zuschauer übergesprungen", sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Deutlich vor dem Schlusspfiff waren die meisten Zuschauer schon gegangen.

Diesmal saßen Oliver Bierhoff und Joachim Löw als Zuschauer oben auf der Tribüne, während Hummels, Neuer und Boateng, Letzterer als Aufwärmspieler am Seitenrand, mal wieder so früh wie seit Ewigkeiten nicht mehr aus einem großen Vereinswettbewerb ausschieden. Doch das kollektive Empfinden in der Münchner Arena war ähnlich jenem nach dem verlorenen WM-Spiel gegen Südkorea: Jetzt spielen die anderen weiter, ohne den FC Bayern ebenso wie in Russland ohne die Nationalmannschaft. Jetzt schauen alle nur noch zu.

Und die Abmoderation der ernüchternden Erkenntnis - wir waren nicht gut genug, um mit der Spitze mithalten zu können - geriet den Bayern ähnlich unelegant wie seinerzeit den Verantwortlichen der Nationalmannschaft. Zumindest am Mittwochabend. Da sagte Präsident Uli Hoeneß nur einen einzigen Satz: "Liverpool hat einfach besser gespielt und deshalb verdient gewonnen." Ein Satz, der nicht ansatzweise die Tragweite dessen beschrieb, was da gerade passiert war. Beim DFB drang die Notwendigkeit eines radikalen Umbruchs erst Monate später durch.

Kaderplanung basiert auf falscher Annahme

"Wir werden einiges machen", kündigte Salihamidzic im Hinblick auf künftige Verpflichtungen auf dem Transfermarkt an, "aber wir haben trotzdem gute Spieler, die das heute hätten machen können." Mit anderen Worten: Die Kaderplanung basiert schon jetzt auf einer falschen Annahme: Dass schon jetzt genug dabei sind, die für den nötigen Neuaufbau bereitstehen. Dabei gibt es genügend Positionen, auf denen neue Spieler nötig sind, ohne Rücksicht auf Verdienste.

Auf die Frage, warum alle drei deutschen Mannschaften gegen drei englische Teams ausgeschieden waren, und zwar ziemlich krachend, wich Neuer einfach aus. "Wir schauen da nur auf uns, wir haben in Liverpool ja ein gutes Spiel gemacht. Liverpool ist eine Spitzenmannschaft in England, da kann man verlieren."

Hummels wurde ein wenig nostalgisch. Es gebe keinen Streit mit dem Bundestrainer. Aber "das Thema", sprich: die Enttäuschung über den Rauswurf, werde immer wieder hochkochen. Zum Beispiel in der nächsten Länderspielpause. "Gefühlt die erste, seit ich 14 bin, in der ich nicht auf Reisen bin", sagte er. Für die Bayern seien die Ziele klar: die beiden nationalen Titel holen.

"Wir müssen jetzt natürlich versuchen, nicht in ein Loch zu fallen, wie es uns letztes Jahr nach dem Halbfinal-Aus passiert ist." Neuer sagte, der vergangene Sommer sei nicht schön gewesen. Er meinte das verlorene Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt, das wolle man nicht wiederholen. Um das zu erreichen, müssen sie nun darauf achten, gegen Mainz und Freiburg in der Liga sowie gegen Heidenheim im Pokal nicht in ein Loch zu fallen.

Trainer Niko Kovac kommt nun keine geringere Aufgabe zu, als den Umbruch zu dirigieren, und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der Abstand zur europäischen Spitze nicht zu groß wird. Über den FC Liverpool hatte Hummels gesagt, er habe die Bayern "Klopp-like" nicht zur Entfaltung kommen lassen. Die Frage ist, ob es eines Tages ein ähnlich geartetes "Kovac-like" geben wird.

Bayern München - FC Liverpool 1:3 (1:1)
0:1 Mané (26.)
1:1 Matip (Eigentor, 39.)
1:2 van Dijk (69.)
1:3 Mané (84.)
Bayern: Neuer - Rafinha, Süle, Hummels, Alaba - Martínez (72. Goretzka), Thiago - Gnabry, James (79. Sanches), Ribéry (61. Coman) - Lewandowski
Liverpool: Alisson - Alexander - Arnold, Matip, van Dijk, Robertson - Henderson (13. Fabinho) - Wijnaldum, Milner (87. Lallana) - Salah, Firmino (83. Origi), Mané
Schiedsrichter: Daniele Orsato (Italien)
Gelbe Karten: Martínez, Sanches / Matip, Fabinho
Zuschauer: 70.000 (ausverkauft)

insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
benedetto089 14.03.2019
1.
Das bei Bayern in den letzten Jahren einiges verschlafen wurde und ein Umbruch im Kader und mittelfristig im Management stattfinden muss ist wirklich kein Geheimnis mehr. Ribery, Robben, Rafinha gehen nach der Saison sowieso und es wird sicherlich einige Transfers geben. Aber was will mir der Artikel jetzt sagen? Sollte der FCB die genannten Spieler jetzt mitten in der Saison vor die Tür setzen oder was?
burscheider 14.03.2019
2.
Da fehlt jetzt irgendwie das Produktive. Wieso ist es denn eine falsche Annahme, dass da schon viele gute Leute dabei sind? Ich sehe denn fc Bayern nicht jede Woche, aber nach den 2 spielen gg Liverpool und dem was ich so sehe und lese denk ich dass langfristig ein neuer Torwart her muss, zwingend 1-2 innenverteidiger, von denen einer schon verpflichtet ist, ein vernünftiger Backup Außenverteidiger und ein Backup 6er, zwei neue flügelstürmer, auch schon einer verpflichtet, und ein neuer Mittelstürmer und davon muss nur ein innenverteidiger und ein flügelstürmer sofort Stammspieler sein können, denn man hat locker 7-8 Spieler, die auch nächstes Jahr Stammspieler sein können und viele davon sind jung. Das ist viel, aber das ist locker bezahlbar und dann geht es nächstes Jahr auch wieder aufwärts.
Orthoklas 14.03.2019
3. Kovac
Solange Kovac bei Bayern auf der Bank sitzt, gewinnen die allerhöchstens einen feuchten Kehricht. Der Mann, Stallgeruch hin oder her, ist maximal überfordert. Frankfurt nicht Bayern. Die eigenen Spieler haben die Taktik gestern nach Abpfiff kritisiert.
Oihme 14.03.2019
4. Sie ...
... wollten ja laut Hoeneß noch ein wenig Geld sammeln in dieser Saison, bevor dann im Sommer die große Transferoffensive der Bayern startet. Jetzt ist man aber bereits im Achtelfinale der CL raus anstatt wie sonst im Viertel- oder Halbfinale. Und deshalb kann man sich in München jetzt schon ausrechnen, wieviel eigentlich fest eingeplantes Geld am Saisonende in der Kasse fehlt, ob sich das "Geld sammeln" wirklich gelohnt hat und wieviele neue Top-Spieler man dafür heute noch bekommt. Bestimmt nicht so viele wie man spätestens nach der ernüchternden Erfahrung von Gestern dringend braucht.
mchlpfeiffer 14.03.2019
5. Den Bayern.....
...ist gestern in der CL genau das passiert, was der Nationalmannschaft letzten Sommer bei der WM in Russland passiert ist, und der Grund ist in beiden Fällen der gleiche: Der Umbruch nach dem letzten großen Erfolg wurde verschlafen. Bayern hat 2013 das "Triple" gewonnen, und die Spieler, die damals bereits Schlüsselspieler waren, sind es heute noch, nur sind sie alle seitdem 6 Jahre älter aber nicht besser geworden. Neuer, Hummels, Boateng, usw. befinden sich auf der Zielgeraden ihrer jew. Karriere, Robben und Ribery sind schon lange darüber hinaus. Adäquater Ersatz für die Genannten wurde nicht eingekauft bzw. aufgebaut (mit Ausnahme von vielleicht Kimmich, aber der hat gestern nicht gespielt). Es wird in Zukunft auch schwierig sein, adäquaten Ersatz zu finden, denn die talentierten jungen Spieler gehen lieber nach England oder Spanien, einfach weil die dortigen Spitzenclubs ganz andere finanzielle Möglichkeiten haben als die deutschen Vereine, der FC Bayern nicht ausgenommen. Die Alternative wäre, auf einheimische Talente zu setzen, aber da viele Erst- und Zweitligisten ihre zweiten Mannschaften, die in der Regionalliga oder sogar in der dritten Liga spielen, aus finanziellen Gründen abgemeldet haben (Bsp.: Eintracht Frankfurt), bekommen junge Talente, sobald sie der Jugend entwachsen sind, kaum Einsatzzeiten, da die wenigsten Jugendlichen es schaffen, aus der A - Jugend gleich in die Profimannschaften der 1. oder 2. Liga aufzusteigen. Früher konnten sie in den jew. zweiten Mannschaften ihrer Vereine Erfahrungen sammeln, aber diese Möglichkeiten gibt es heute nur noch selten. Alternativ werden deshalb von den Vereinen der Bundesliga fertige Spieler aus dem Ausland eingekauft. Da die Besten allerdings lieber nach Spanien oder England gehen, Grund: s.o., bleiben für die Bundesliga mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln nur die zweit- oder drittklassigen Spieler übrig. Das geht schon seit einigen Jahren so und das Resultat hat man diese Saison schonungslos vor Augen geführt bekommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.